Festival Review: Waves Vienna 2017

Blog, Festival Review

In einem solchen Ambiente wünscht sich wohl jeder, ein Festival zu erleben. Es sind Innenhöfe, in denen man sich sofort zu Hause fühlt: wilder Wein windet sich vorbei an ausladenden Fenstern der braunen Backsteinwände; Bierbänke sind links und rechts aufgereiht…der Komplex hat eher den Charme eines urigen Heurigen als jenen einer top-angesagten Wiener Location. Das WUK auf der Währinger Straße: untertags spielende Kinder, in der Nacht reges Festivaltreiben.

 

© Ghost of You

 

Irgendwo mittendrin ist ein festlicher Saal, kurz nach 19:00 Uhr. Es ist dunkel. Auf der Bühne, die in ein tiefes Blau getaucht ist, sind ein paar Silhouetten auszumachen. Pünktlich auf die Minute, wie es eben für ein Showcase-Event üblich ist, beginnt die Vorstellung.
Nach einem einleitenden Beckenwirbel der langsam wieder verklingt, setzt ein magnetischer Schlagzeug-Groove ein, gefolgt vom mystischen Gesang der Gestalt am Bühnenrand, deren Gesicht jetzt deutlicher zu erkennen ist. Die Stimmung im Saal baut sich langsam aber stetig auf und aus dem dargebotenen Post-Punk-Gedudel kristallisiert sich allmählich eine deutliche Linie heraus. Plötzlich ändert sich der Rhythmus. Der Beat wird hektischer, der Gesang wandelt sich von mystisch-dahinschwebend hin zu mehr Verzweiflung in der Stimmlage. Das ist wohl eine bemerkenswerte Eigenschaft dieses tschechischen Quartetts, die einem als erstes auffällt: die Stücke beginnen mit einer tragenden Schlagzeug-Figur, gefolgt von einer akzentgesetzten Basslinie und fein unterstreichenden E-Gitarrenklängen. Dieser Gesamteindruck zieht den Hörer wohl unmittelbar in den Bann, zumal der Drummer seine Grooves auch gestochen scharf servieren kann. Es schmeckt nach Rock und ist obendrein gut gewürzt mit Klängen der beiden Synthesizer, die von Bassist und Gitarrist abwechselnd bespielt werden.
Kaum hat man sich in den Song eingefühlt und ist in seiner Zone angekommen, hört dieser aber auch schon wieder auf. Kurzweiligkeit steht also an die Fahnen dieser Band geschrieben, deren Namen so frei interpretierbar ist, wie die vernuschelten Ansagen des Sängers: Ghost Of You.
Obwohl die Nummern allesamt nicht lange dauern, fühlt man sich von deren Stimmung in den einzelnen Passagen, den langaushaltenden elektronischen Tönen, den variationslosen Drumgrooves, den unterstreichenden Saitenklängen und einer Stimme, die sich in ihrer stetigen Gelassenheit gut dem Sound anpasst, doch wie weggetragen. Aber Ghost Of You können auch anders: ein Beispiel dafür gibt der nächste Song. Ein cooles Bassriff, rockiger Groove und zartes Streichen der E-Gitarre zu Beginn. Der Gesang setzt wie im Kanon ein. Doch plötzlich Stilbruch – weg vom Rock – hin zum leichtfüßigen Indie-Rock-Sound mit Off-Beat-Begleitung der Rhythmusgitarre.
Eine klare Richtung und eine zielstrebige, genrebewusste Haltung legen die überzeugten Performer im letzten Song Horses dar. Auf einen einsetzenden Schlagzeugbeat folgt auf einen Schlag der Bass, der in einem derart prägnant durchgängigen 16tel Riff massiert wird, dass einem die Kinnlade offen stehenbleibt.
Ein solider Auftritt einer Band, die zu keinem Zeitpunkt Hang zur Übertreibung oder Ausuferung zeigte. Bravo!

 

© Lea Santee

 

Keine 50 Meter weiter stellen sich, ohne lange zu fackeln, Lea Santee auf die Bühne. Ein Komponistenduo mit perkussiver Unterstützung. Ein flächiger Sound, der von E-Drum, Synthesizer und der glasklaren Stimme der Sängerin stimuliert wird.
Obwohl die Strukturen der Trip Hop und Dance Pop angehauchten Lieder leicht zu durchschauen sind, haben sie etwas hochwertiges: die Drums sind gut mit Bass und Synth abgemischt, an der Spitze die Sängerin mit der Hilfe von ein paar Voice-Effekten – eine schlanke, modisch gekleidete junge Frau, die es versteht, sich in fließenden, eleganten Tanz-Bewegungen mit der Musik zu präsentieren. Die Musik ist in ihrer Ästhetik ein Gemisch aus Lana Del Rey und Selena Gomez, was in keinster Weise als abwertend zu verstehen ist. Leichte Kost für ein offenbar schwierig zu beeindruckendes Publikum.

 

© Fai Baba

 

Fai Baba beginnen ihre Performance mit vibrato-unterlegter Country-Musik. Es hat etwas psychedelisches an sich. Ein Mischmasch. Was für eine plumpe und verbrauchte Einleitung. Hoffentlich geht es bald los!
Zu Beginn steht ein langsamer, zurückgelehnter 4/4-Beat, der doppelt so lang erscheint. Bald wird klar, dass die Band gerne mit kurzfristig dynamischen und dann wieder abflachenden Passagen spielt. Es fällt also schwer, eine klare Linie herauszufiltern, an der man die Musiker und deren Kunst einordnen kann. Die Gitarre wird oft und gerne mit Vibrato und anderen Effekten versehen, der Sänger scheint selber kurz vor dem Einschlafen zu sein, was dem ganzen jedoch irgendwie Charme verleiht, und die Musik ist gut, wenn man auf einem Acid-Horrortrip ist und versucht wieder herunterzukommen. In der Gesangmelodie vernimmt man plötzlich die Tonfolge von Roy Orbisons Crying, jedoch mit anderem Text. Man weiß also noch nicht so ganz wohin damit. Das Ende des Songs klingt wie der Ausklang einer ganzen Tournee, bei der beim letzten Lied die Instrumente auf stupide Weise so lange durch wiederholende Handbewegungen missbraucht werden, dass statt eines schönes Klanges einfach Lärm entsteht, dem durch „den finalen Beckenhieb“ ein Ende gesetzt wird. Doch der Schein trügt. Aus diesem Klang-Cluster geht keine peinliche Pause hervor, sondern ein durchaus lebhafter, rockiger Drumgroove, der energetisch so ziemlich das Gegenteil zum Vorherigen darstellt. Ein Wiederaufleben von Punk in all seinen Facetten, mit der einzigen Ausnahme des markanten, träumerischen Gesangs von zuvor.

 

© KLAN

 

Genug gehört…

KLAN spielen in der WUK-Halle und erfüllen jede Erwartung: eine soulige Stimme, getunkt in Mitleid, Herzschmerz und Poesie, die uns in einen poppigen Refrain führt, umgeben von einem erfrischend cleanem E-Gitarren-Sound und einer Melodie, die sofort ins Ohr geht. Die Stimme des Sängers ist ein Hinhörer und führt uns in einen Zustand des Tiefgangs und der Nachdenklichkeit, mit einem zuversichtlichen Blick nach oben. „Ich bin zu teilen bereit, denn ich hatte genug, genug, genug Einsamkeit…“ Ein Lustfeuerwerk. Interessant, wie man mit so wenig Mitteln derart effektvolle Musik produzieren kann. Ist wohl auch der Klarheit und Ehrlichkeit der Stimme des Sängers zu verdanken. Pop, der leicht die Kehle heruntergeht und endlich wieder deutschsprachig ist, vorgetragen von zwei sympathischen jungen Männern aus Berlin.

Autor: Lukas Brunner



Mehr Info & Photo Credits:

http://www.wavesvienna.com
http://ghostofyou.cz
http://leasantee.com
http://www.atreeinafieldrecords.com/artists/fai-baba/
https://www.facebook.com/kaelaen/

All photos are property of the above mentioned bands and institutions.

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