Album Review: VIECH – Heute Nacht nach Budapest (2018)

Album Review, Blog

VIECH. Der Name einer Band, den man durchaus auf die Stimme ihres Sängers zurückführen könnte. Es sei daran erinnert, dass sich der interessante Knackpunkt in ihrer Musik durch die geheimnisvoll aufbauende Stimmung effektvoller Instrumente einerseits – und andererseits vor allem durch die Exzentrik der vokalen Darbietungen des Sängers Paul Plut auszeichnet. Spätestens nach dem überzeugendem Auftritt am Donauinselfest im Jahr 2016 konnten sie bis dato ihre Wendigkeit und individuelle Stärke in der österreichischen Popszene unter Beweis stellen. Mit dieser neuen, im April dieses Jahres erschienenen Veröffentlichung gibt es auch eine Neubesetzung der Band unter Paul Plut, der sich bei dem Album als Songwriter gibt: Christoph Lederhilger (Schlagzeug) und Martina Stranger (Bass) – das ist das Dreiergespann von VIECH.

Die Spritzigkeit und bunte Mischung aus fetzigen und wohlklingenden Popsongs der vorigen zwei Alben finden jedoch im neuesten Werk keinen Widerhall. Stattdessen aber zeigen sich andere Qualitäten, wie beispielsweise die spezielle vokale Veredelung, die nun in neue Sphären getrieben wird.

Das Album wirkt ein bisschen eingeschlafen. Die Essenz des ganzen klingt so, als wären die drei nach einem verlängerten Wochenend-Ausflug nach Budapest – inklusive alkoholisierter Nachtspaziergänge – gezwungen worden, am Tag darauf einen Gig zu spielen. Heute Nacht nach Budapest heißt es daher treffend.

So auch im eröffnenden Titelsong: Die vorher angesprochene Stimmkunst kommt hier bereits zur vollen Entfaltung. Nach einem sich wiederholenden Bass-Riff setzt eine Unisono-Doppelstimme ein, die sich wie ein elektrischer Faden durch den Körper des Hörers windet und wie eine Geister-Stimme im ganzen Lied präsent ist. „Schlaf ein…!“ — Die eröffnenden Worte eines Albums, das mitunter teilweise tatsächlich dazu verleitet. Hier jedoch nicht, ganz im Gegenteil: man wird wach-vibriert!

Wenn man also zur Qualität dieses Werks kommt und lobende Worte finden möchte, so passiert das mit Sicherheit in Bezug auf die Texte, wie das schon in den Jahren davor der Fall war. Die Lyrik weist durch den teilweise weiten Interpretations-Radius eine extreme Poetik auf, mit Texten, die aber auch oft durch ihre Bodenständigkeit und menschliche Selbsterkenntnis überzeugen: Ich hab viele Fehler gemacht. Oder einfach nur den Hang zur Zerstörung preisgeben: „Wie glaubst du, ist der Sound, wenn ich einen Stein vom Mond durchs Fenster deiner Bude schmeiße?“ (aus Im Dreck)

In anderen Passagen wiederum geht es um die regressive, perspektivlose, nihilistische Weltansicht eines Menschen: „Ich wär’ gern eine Straßenbahn. Da wär’s o.k. im Kreis zu fahren.“ (aus Bartleby)

Kombiniert mit dem Stimmphänomen Paul Plut schafft dies natürlich diesen charakteristischen, unverwechselbaren „Reibeisen“-Klang von VIECH, der auch in diesem Album trotz Neubesetzung nicht verloren gegangen ist. Rhythmisch zeigen sich VIECH zwar nicht gerade von ihrer kreativen Seite und bedienen sich vielmehr der einfachen, aber bewährten 4/4-Rockgrooves, mit vereinzelter Steigerung durch „four-on-the-floor“ der Snare- und Basstrommel (z.B. Die Juwelen).

Auch ist die bunte Mischung, die in den vorangegangenen Alben vorgeherrscht hat, mit diesem ein bisschen verloren gegangen. Heute Nacht nach Budapest wirkt wie ein unausgeschlafener, tagträumerischer Gedanke, eine noch im Halbschlaf vorgespielte Kassette, der man nur bedingt und nur teilweise volle Aufmerksamkeit schenken kann. Nichtsdestotrotz muss man ein Werk ja nicht unbedingt als einheitliches Konzept sehen, sondern kann sich an einzelnen Liedern und Passagen erfreuen, wie es hierbei der Fall ist.

Autor: Lukas Brunner

Weitere Infos & Photo Credits:

http://viech.org

Advertisements

Album Review: Alterno Boy – „Alterno Boy“ (2017)

Album Review, Blog

Dem sympathischen Pop-Quartett Alterno Boy ist mit ihrem gleichnamigen Debütalbum ein Wurf aus elf Liedern gelungen, von denen so manches einiges an Potential zeigt. Paul Buschnegg (Gitarre), Til Tuppy (Gesang und Bass), Xavier Plus (Gitarre und Klavier) und Joe Edlinger (Schlagzeug) lassen die Seele sprechen. Das war auch beim Release Gig am 27. Oktober im Wiener Flex Café zu sehen.

Beim Anklingen der ersten paar Minuten des neuen Stoffs schnellt einem folgendes durch den Kopf: Beach Boys und Beatles. Ab dem zweiten Lied der Scheibe wird man in eine derartige Gutherzigkeit eingetunkt, dass man sich am liebsten selbst umarmen möchte. You’re My Friend! erklingt es im Chor und man fühlt sich irgendwie geborgen. Abgesehen davon taucht in der Strophe wieder kurz dieser spritzig, tanzbare Groove auf, der schon in der ersten Nummer einsetzt. Es wirkt daher wie eine Fortsetzung, eine Idee, die nochmals verarbeitet wird und dadurch einen Zusammenhang zwischen zwei Liedern schafft. Elegant.

Relativ rasch steigt dem Zuhörer ins Bewusstsein, dass Alterno Boy mit ihrer Hingabe zum Englischen vielleicht noch eine rückblickende Linie fahren. Träumerisch und dahinschwebend wird man von netten Gesängen und weichen E-Gitarren-Klängen eingelullt und kann womöglich dabei ganz vergessen, dass es sich doch eigentlich um eine österreichische Band handelt. Normalerweise bin ich gegen erzwungene, „hippe“ British-American-Veredelung, bei der jeder glaubt, dass etwas cool ist, nur weil es auf Englisch vorgetragen wird. Alterno Boy schaffen es aber auf ihre Art sich in eine stilhafte Ecke zu stellen, in der die Instrumente so für sich sprechen, dass man gar nicht mehr darüber nachdenkt, in welcher Sprache sie denn jetzt eigentlich singen.

Aufhorchen muss man bei Winter’s Gun. Bei all der bisherigen Kurzweiligkeit gipfelt die Stimmung erstmalig in diesem zweistimmigen Ohrwurmkandidaten, mit einem einfachen, aber effektiven Wanda-Rhythmus und hypnotischem Tremolo-Klang der Instrumente. Treffer!

Oh Leonce gibt einen guten Einblick in die Art und Weise, wie die Herren Musik machen. Vielfältige Taktwechsel, geschmackvolle Akkordprogressionen und Beats, die zum Mitklatschen anregen. Das alles wird von ausgelassenen Gesängen begleitet, verpackt in einen liebevollen Popsong. Auch wenn manches trotzdem womöglich etwas abgegriffen scheint, muss man Alterno Boy doch noch eines lassen: sie vollziehen geschickt die Rückbesinnung auf die wohl mittlerweile verwaschenen Sujets des Brit-Rock und Pop-Bands der 90er Jahre, mit einem liebenswerten, braven Rotzbuben-Image, das ja schon damals an ältere Zeiten erinnerte. Es ist also in gewisser Weise eine Reflexion der Reflexion und macht vielleicht auch deswegen so viel Freude beim Zuhören. Alte Trends kommen ja bekanntlich immer wieder.

Gesamt ergibt sich ein ausgeglichenes Album aus nachdenklichen, als auch poppig-fetzigen Nummern für einen verregneten Nachmittag mit Freunden. Oder einen sonnigen. Oder alleine. Musik für jeden, der gerne nostalgisch in den leichten, unbeschwerten Kuschelrock der vergangenen Jahrzehnte zurückblickt und dabei trotzdem jung bleiben will.

Autor: Lukas Brunner


Mehr Info & Photo Credits:

https://www.facebook.com/alternoboyband/
http://www.wohnzimmer.com/artists/alterno-boy.html