Film Review: „Janis: Little Girl Blue“

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Mehr als nur ein kleines Mädchen

Amy J. Bergs Dokumentation aus 2015 über die Blueslegende Janis Joplin wird im Rahmen der diesjährigen Viennale (Vienna International Film Festival) zweimal im Gartenbaukino ausgestrahlt, der erste Termin war der 25. Oktober um 23 Uhr in Anwesenheit der Regisseurin. Diese gab bekannt, dass die Fertigstellung des Films sieben Jahre in Anspruch nahm. Die Frage, was sie dazu bewegte, einen Film über Janis Joplin zu drehen, beantwortete sie damit, dass sie fasziniert von der Gegensätzlichkeit der Sängerin war, die nach außen hin stark und unbesiegbar wirkte, innen jedoch enorm zerbrechlich blieb.

Lob an die Regie

In der Tat muss ich vorweg sagen, dass ich nach den beiden letzten Musikerdokus „Cobain: Montage of Heck“ und „Amy: The Girl Behind The Name“, die beide in meinen Augen zu wenig auf die Musik eingingen, durchaus überzeugt von Amy Bergs Film bin. Auch hier wird chronologisch vorgegangen, Hauptinhalt des Films bilden Interviewausschnitte einer Bandbreite wichtiger Personen (darunter Familie, Freunde, ehemalige Bandkollegen, u.a.). Erzählerisch zusammengehalten wird die Doku durch Chan Marshall, einer amerikanischen Singer-Songwriterin, die ausgesuchte Briefe vertont, die Janis im Laufe der Jahre an ihre Familie schrieb. Obwohl Marshall keine schlechte Wahl war, um Joplin zu vertonen, war ich persönlich von der Stimme nicht ganz überzeugt, in meinen Augen war sie etwas zu kraftlos. Das aber nur am Rande.

Die Erzählung ist in sich schlüssig, die ausgewählten Schwerpunkte machen Sinn und als ZuseherIn kann man dem Film leicht folgen. Besonders interessant ist natürlich Material, welches ansonsten nicht zugänglich ist, wie die erwähnten Briefe, Notizbücher, Fotos, aber auch weniger bekannte Live-Aufnahmen. Generell wird versucht, viele Songs unterzubringen, allesamt aus dem Joplin-Repertoire. Allerdings wird nur kurz darauf eingegangen, dass Joplin auch selbst die einen oder anderen Texte schrieb. Musikanalytisch wird nicht wirklich vorgegangen, der Fokus liegt definitiv auf dem Versuch einer Persönlichkeits-Entschlüsselung. Dieser erfolgt jedoch sehr respektvoll und nicht wertend, was bei anderen Filmen leider viel zu oft der Fall ist.

Tiefe Einblicke ins Werken Joplins

Interessant ist vor allem ein Videoausschnitt aus dem Studio während der Aufnahme von Summertime. Hier bekommt man Einsicht darin, wie solche Sessions gestaltet waren und wo potentielle Streitpunkte bestanden. Auch beginnt man, zu verstehen, was Joplin an (ihrer) Musik wichtig war, wie sie arbeitete, dass sie individuelle künstlerische Konzepte verfolgte und genau wusste, wie ein fertiger Song klingen soll. Dies zog sich über die Jahre hindurch, sei es an der Seite der Big Brother Holding Company oder der späteren Kozmic Blues Band.

Eine Frage, die sich mir allerdings stellt: Weshalb benennt man den Film nach einem Song, der nicht von der Künstlerin selbst stammt? Little Girl Blue ist eigentlich ein Nina Simone Cover, woraus auch nie ein Geheimnis gemacht wurde. Noch dazu endet der Film mit genau diesem Song – in meinen Augen eine schlechte Wahl, wenngleich Joplins Interpretation großartig ist. Ihr Farewell Song hätte es zum Abschluss aber auch getan – und das sogar besser.

Abgesehen von dieser Unklarheit kann ich diesen Film wirklich nur wärmstens empfehlen – nicht zuletzt deshalb, weil es seither in keinster Weise eine vergleichbare Musikerin gab.

Autorin: Robin Frank