Gig Review: Kindergarten, 06.12.2017

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Kindergarten beschallten am 6. Dezember anlässlich ihres Video-Releases zu Unbeschwert das Wiener Replugged.

 

Es ist ein typischer Winterabend, jedoch geht heute ein besonders kalter Wind. Endlich im Replugged angekommen, geht in etwa zwanzig Minuten die Show los. Vorgruppe gibt es keine, was hinsichtlich des gewählten Wochentages und der Tatsache, dass morgen viele wieder früh raus müssen, eigentlich angenehm ist. In Anbetracht dessen haben sich allerdings ziemlich viele ZuhörerInnen im Publikum eingefunden, bestimmt um die hundert Personen. Die Menge plaudert in lebhafter Lautstärke, konsumiert brav Getränke an der Bar. Perfekte Voraussetzungen also.
Dann betreten die sechs Kindergärtner die Bühne: Sänger und Rhythmusgitarrist Kevin Bulis in demselben Outfit, das er auch im Video trägt – einer senfgelben Hose, Schnürschuhen und geblümtem Sakko –, Gitarrist Bernhard Langer, Bassist Philipp  Wimmer, Drummer Lukas Ulrich, Keyboarder Daniel Roden und Percussionist Elias Maximilian.

Los geht’s prompt mit einem Opener, gefolgt vom Song Liebe mich (?), einer Nummer mit zirkusartigen, eingestreuten Zwischenspielen, die durchaus kindlich-verspielt anmuten. Die  bunt-verzierten Instrumente der Musiker komplettieren diesen ersten Eindruck. Doch Kindergarten können auch anders: etwas langsamer, gefühlvoller, ja fast bluesig geht es in der dritten Nummer zu. Jedoch funktionieren hier Stimmführung und Intonation nicht immer. Bulis muss sich wohl noch warmsingen. Das Bassspiel hingegen überzeugt sofort: zurückhaltend, jedoch nicht am bloßen Minimum schlitternd. Gitarrist Bernhard Langer ist der Beweis dafür, dass es keine  großen, theatralischen Bewegungen braucht, um gefühlvoll zu spielen. Und Drummer sowie Percussionist (besonders großes Lob an Elias Maximilian) bilden eine perfekte Einheit.

Verspielt, aber so gar nicht kindisch

Je weiter der Abend voranschreitet, desto klarer wird, dass Kindergarten in den meisten Songs auf einen vielseitigen Schichtenaufbau setzen. Dies bedeutet nicht nur Rhythmus- und Melodiewechsel, sondern ein regelrechtes Spielen mit Genres, die  unterschiedlicher nicht sein könnten. Rock, Funk, Ska, sogar Tango sind nur ein kleiner Auszug. Eindrucksvoll beweist die Band somit ihr Gespür für Musik. Offensichtlich ist genau das „Wiener Kunst-Pop“.
Bulis sollte dann auch noch überzeugen. Sein gewagter Stil, der Sprechgesang mit lang durchgehaltenen Vokalen bis hin zu Schreien miteinander verbindet, ist zwar ungewohnt, aber beeindruckend. Letzteres gilt  auch für seinen Stimmumfang. Nach meinem persönlichen Empfinden könnte man jedoch das teilweise überdosierte Jauchzen reduzieren.
Überraschend covert die Gruppe So Far Away von den Dire Straits – in eingedeutschter Version. Anfangs vielleicht befremdlich, instrumental aber durchaus gelungen. Hat was! Langsam fällt allerdings auf, dass keines der Bandmitglieder das Publikum begrüßt hat. Merkwürdig – vielleicht aber Teil  der Show? Das Publikum jedenfalls fühlt sich offensichtlich vom Geschehen nicht angesprochen. Stattdessen plaudern  die Personen genauso munter, laut und, ja, störend das Konzert hindurch weiter. Wenig verwunderlich platzt Bulis dann irgendwann der Kragen. Höflich, aber sichtlich genervt, mahnt er das Publikum, sich etwas mehr auf die Show zu konzentrieren. „Ihr bekommt’s wahnsinnig viel mit, wenn ihr bei der Band bleibt.“ Dies missfällt zwar einigen im Publikum, insgesamt wird es jedoch endlich ruhiger und man kann die Musik besser spüren.
Der Höhepunkt des Konzerts bahnt sich an, eingeleitet durch ein ruhiges, melancholisches Intro. Dann schwingt sich der Song wie eine Schaukel am Spielplatz hoch zu einem harmonischen Gipfel mit  unheimlich viel Tiefgang. Durchaus könnte man hier von einer Ballade sprechen. Da wirken auch Zeilen wie „Du verstehst mich nicht…schon morgens könnt‘ ich speiben“ punktgenau.  Die kunstvoll gesetzten Pausen tun den Rest.
Im Anschluss kommt die Band langsam zum eigentlichen Grund des Abends: ihrem Video-Release zu Unbeschwert am 17. November, und widmen den  Song ihrem Regisseur Alexander Peskador, der großartige Arbeit geleistet hat. Dennoch bleibt die Kommunikation mit dem Publikum unter dem Minimum. Man hätte sich mehr Informationen zu dem Song und dem Video gewünscht: wie war der Videodreh für die Band? Wieso gibt’s genau zu diesem Song das Video? Und wieso wird  ein Konzert zu genau diesem Anlass gegeben?  All das sind Dinge, die man normalerweise hätte  ansprechen sollen. Ein großes Plus  gibt’s aber jedenfalls für das Abspielen des Videos synchron zur Aufführung auf gleich zwei Bildschirmen links und rechts von der Bühne.
Es verwundert dennoch, dass genau dieser Song für ein Video auserkoren wurde. Eventuell liegt es daran, dass er vergleichsweise kurz ist? Viele andere Nummern, die an diesem Abend gespielt werden, sind zwar länger,  haben nämlich deutlich mehr Potential.

„Natürlich könnt‘ ich aufgeben, doch aufgeben ist so leicht. Es gibt noch so viel, was ansteht…doch nur so wenig Zeit.“

Als „Welturaufführung“ präsentieren Kindergarten den Song, dem die obigen Zeilen entnommen sind. Mit diesem verabschieden sie sich dann auch.  Ein überraschend vielseitiger Abend einer wirklich beeindruckenden Band, die jedoch gut daran täte, in Kontakt mit ihrem Publikum zu treten. Dieses wird nämlich bestimmt wachsen.

Autorin: Robin Frank

 

Weitere Infos & Photo Credits:

https://www.facebook.com/kindergartenmusic/
https://www.youtube.com/channel/UC0t9Fm8Tm236HpQIyM9viqA/

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Interview: Old Steam Machine, August 2017

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‚NO ONE CAN STOP ME, I’M A STEAM MACHINE‘

Ein Album im Alleingang aufnehmen, dazu ein eigenes Label gründen und den Release organisieren? Herausforderungen, denen sich viele Bands stellen müssen. Die fünf Mitglieder der Wiener Hard Rock-Band Old Steam Machine (Gig Reviews hier) sprachen mit RIFF SHIFT über ihr Debütalbum OSM, Learning-by-Doing und Vorteile der eigenen Labelgründung in Österreich. 

RIFF SHIFT: Wenn man im Internet über euch recherchiert, findet man heraus: das Gründungsjahr war 2006. Das ist jetzt schon über zehn Jahre her und du, Patrick, bist das einzig verbliebene Gründungsmitglied. Wann und wie sind die anderen dazugekommen?

Gerhard (Anm.: Bassist): Ich bin das neueste Mitglied der Band und vor etwas über zwei Monaten dazugekommen. Der Ronny (Anm.: Rhythmusgitarrist) hat mich gefragt, dann haben wir geprobt, uns das angeschaut – hat gut funktioniert und ich bin auf jeden Fall weiterhin dabei.
Ronny: Ich war unterwegs mit’m Lary (Anm.: Leadgitarrist Patrick Lary), es war sehr romantisch (lacht). Er hat mich dann gefragt, ob ich in seiner Band spielen möchte. Jetzt bin ich seit Anfang Sommer dabei.
Ben (Anm.: Schlagzeuger): Ich bin das drittneueste Mitglied und mittlerweile seit acht Monaten dabei.
Alessandro (Anm.: Sänger): Ich bin dazugekommen vor fünf Jahren. Den Lary hab’ ich über einen gemeinsamen Freund bei einem Jam kennengelernt. Dann hat er mir gesagt, ich soll mal zur Probe vorbeikommen. Seitdem bin ich, wenn auch mit vielen Umstellungen, immer dabeigeblieben.

RIFF SHIFT: Momentan passiert bei euch ja sehr viel – am 1. September präsentiert ihr euer Debütalbum. Da stellt man sich natürlich die Frage: warum erst jetzt?

Alessandro: Weil wir die meiste Zeit eigentlich gar nicht an ein Album gedacht, sondern einfach nur gespielt haben. Die Band hat sich auch immer wieder verändert. Viele sind gegangen, einige sind gekommen. Daher wurde viel Zeit darin investiert, den neuen Mitgliedern die Songs zu zeigen. Dann haben sich aber auch die Songs an sich immer wieder verändert. Zwischendurch haben wir natürlich auch Konzerte gespielt, die auch immer selbst organisiert waren. Für ein Album hat einfach die Zeit gefehlt.

RIFF SHIFT: Auf dem Album sind nur Patrick, Alessandro und Ben zu hören – alle Instrumente sind selbst eingespielt. Wie liefen die Aufnahmen ab?

Patrick: Wir waren froh, dass der Ben auf unsere Pilotspuren das Schlagzeug einspielen konnte. Darauf konnten wir dann aufbauen. Danach hab ich die Gitarren und den Bass gemacht, dazu Piano als Fläche. Und der Ale hat dann den Gesang aufgenommen.

RIFF SHIFT: Ihr habt euch jetzt entschieden, gemeinsam mit dem Künstler Claus Trophobia (AT) euer eigenes Label Gasgasse Records zu gründen. Was war der Grund dafür?

Alessandro: Der Grund war eigentlich, dass wir so selber veröffentlichen können, mit allem, was dazugehört. Wir ersparen uns dadurch den Umweg, erst ein Label suchen und finden zu müssen.
Gerhard: Das ist heute wahrscheinlich auch die Methode, die man eben anwendet. Ganz nach dem Do-it-yourself-Gedanken.
Patrick: Wir haben uns auch gedacht: jetzt haben wir schon alles selbst gemacht, lasst uns doch auch gleich ein eigenes Label gründen.
Gerhard: Es geht auch relativ schnell und günstig. Heutzutage ist es sowieso problematisch mit CD-Verkäufen. Bei einem Label hast du dann zusätzlich auch noch Abgaben.
Alessandro: Bei OSM war es doch auch immer so, dass wir immer alles selber gemacht haben. Vom Proberaum, der mittlerweile zum Studio geworden ist, bis zu den Aufnahmen.

RIFF SHIFT: Würdet ihr es jungen MusikerInnen also empfehlen, ebenfalls ein eigenes Label zu gründen?

Patrick: Schneller zu einem Resultat kommst du schon, wenn du bei einem Label aufgenommen wirst, weil alles selbst zu machen eben sehr zeitintensiv ist. Im Nachhinein hast du dafür aber auch, wenn du es selber machst, alles in der Hand. Es verdient niemand von außen mit, sondern nur die Band selbst bzw. das eigene Label. Der Profit muss dann nicht geteilt werden und du musst dich niemandem beugen.
Alessandro: Wir wollten keinen „Chef“ haben, der uns Vorgaben gibt oder uns unter Druck setzt. In unserer Situation überwiegen auf jeden Fall die Vorteile einer eigenen Labelgründung.
Gerhard: Derzeit reicht es für uns so. Irgendwann kommt aber natürlich der Punkt, wo man weiterdenken muss.
Ronny: Es ist auch eine gewisse Routine bei den Labels in Österreich, vermutlich eh weltweit, dass wenn du in ein größeres Label reinkommen willst, eine gewisse Reichweite vorweisen musst. Wie bist du in den sozialen Medien aufgestellt, wie viele Leute besuchen deine Gigs, usw. Das heißt, um mal dorthin zu kommen, bleibt dir eigentlich nichts anderes übrig, als ein eigenes Label zu gründen.
Patrick: Der Traum ist eh, dass das zweite Album dann unter einem großen Label produziert und von diesem auch finanziert wird.

RIFF SHIFT: Würdet ihr unter Gasgasse Records auch andere Bands rausbringen?

Patrick: Aktiv suchen wir zwar nicht danach, aber sollte sich in bestimmten Situationen etwas ergeben, natürlich.
Alessandro: Prinzipiell ist das im Bereich des Möglichen.

RIFF SHIFT: Mal etwas genauer zum Album: auf Soundcloud sind auf eurem Profil momentan fünf Songs zu hören. Sind diese dann auch am Album zu finden?

Alessandro: Ja, genau in derselben Version. Am Album sind noch sieben Songs mehr drauf, also insgesamt zwölf.

RIFF SHIFT: Wie würdet ihr jemandem, der euch nicht kennt und dem „Melodic Hard Rock“ nicht viel sagt, euren Stil beschreiben?

Patrick: Er hat psychedelische Einflüsse, Hard Rock-Einflüsse und „balladige“ Einflüsse.
Ben: Ich sage immer „Melodic Rock“ dazu.
Gerhard: Ich erkläre es immer mit „Riff Rock“ – weil die Musik eben sehr rifflastig ist. Aber auch sehr melodiös, manchmal sind sogar fast jazzige Klänge dabei.
Ronny: Ich sag’ immer Hard Rock.
Alessandro: Hard Rock ist aber eben oft ein Riff, der sich ständig wiederholt. Bei uns gibt’s da schon mehr Abwechslung.
Ronny: Und eben auch recht viele Balladen.
Patrick: Bei uns werden aber auch die fetten Lieder immer sauber gespielt. Es ist nichts einfach nur reingedrescht. Auch wenn es härter wird, bleibt der Song immer klar.
Gerhard: Am Album ist auch einfach alles dabei. Ein guter Überblick darüber, was wir können.
Ben: Auf gut Deutsch: lässig!

RIFF SHIFT: Gibt es eine Band, mit der ihr euch vom Sound her vergleichen würdet?

Patrick: Schwer, sehr schwer. Das traue ich mich gar nicht.
Ronny: Gigi D’Agostino (alle lachen).
Alessandro: Wir haben das schon oft diskutiert, weil uns diese Frage schon viele gestellt haben, aber nie eine Antwort darauf gefunden. Das Material ist einfach zu unterschiedlich, um einen Vergleich zu ziehen.
Patrick: Wir geben uns auch Mühe, bewusst nicht zu klingen, wie jemand anderer. Irgendwann habe ich persönlich auch aufgehört, aktiv Musik zu hören. Wenn ich Zuhause Lust auf Musik habe, nehme ich die Gitarre in die Hand. Ich höre mir nie CDs an. So hat sich mein Stil selbständig entwickelt.
Ben: Einflüsse sind aber natürlich da, bei mir als Schlagzeuger wären das zum Beispiel John Bonham oder auch simple Beatles-Beats.

RIFF SHIFT: Am ersten September gibt’s die Möglichkeit, euch live zu sehen. Was ist denn für den Abend geplant?

Alessandro: Es wird so ablaufen, dass unser Special Act und Label-Partner Claus Trophobia startet. Er wird alleine auftreten.
Ronny: Ja, der hat ja sonst keinen Platz, das würd’ er nicht packen (alle lachen).
Alessandro: Auf jeden Fall treten danach Pink Moon (AT, Gig Review hier) als Support auf, und dann präsentieren wir unser Album.

RIFF SHIFT: Wie würdet ihr rückblickend die Erfahrung des Aufnehmens eures ersten Albums beschreiben?

Alessandro & Patrick (gleichzeitig): Viel Arbeit!
Patrick: Es ist zwar langsam gegangen, dafür stetig.
Alessandro: Kann man schon so sagen. Es war wirklich viel zu tun, vor allem auch, weil wir nur zu dritt waren und einige Anläufe gebraucht haben. Aber wir sind im Prozess gewachsen, einfach durchs Learning-by-Doing.
Ben: Auch interessant ist, dass man immer wieder von Null anfangen muss. Immer wieder.
Alessandro: Genau. Mit 1. September haben wir uns daher auch selbst eine Deadline gesetzt, sonst hätten wir wahrscheinlich noch ein Jahr daran gebastelt.
Ronny: Ich finde es andererseits aber gut, dass ihr nur zu dritt wart, weil dadurch weniger Leute auf euch eingeredet haben. Zu viele Köche verderben den Brei.

RIFF SHIFT: Ein kurzer Blick in die Zukunft: was kommt als nächstes?

Alessandro: Nach dem Release werden wir das Album natürlich promoten, das ein oder andere Musikvideo drehen. Den Vertrieb checken, Konzerte in- und außerhalb von Österreich spielen. Genug Ideen und Material fürs nächste Album gibt’s auch schon. Wir wollen also nicht zu viel Zeit vergehen lassen, bis wir damit beginnen.
Patrick: Es würde mich wirklich freuen, in der aktuellen Besetzung die nächsten Aufnahmen zu machen.
Gerhard: Wir haben jetzt auch für jedes Instrument die besten Leute gefunden.
Ben: Wir wollen in Zukunft die ganze Welt bespielen. Japan, England, die USA…
Ronny: Eisenstadt (alle lachen).
Ben: Wir träumen groß!

OSM präsentieren am 1. September ihr Debütalbum OSM im Replugged in Wien. Alle Infos zur Veranstaltung und der Band sind zu finden unter:

https://www.facebook.com/old.steammachine/

https://www.facebook.com/events/1511509505581478/