Gig Review: Pauls Jets – Popfest Wien, 27.07.2018

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„Wo stehst du mit deiner Kunst?“ Eine gute Frage, die sich Paul stellt. Paul Hochhaus, wie er sich nennt, das Gehirn einer Band, die noch zu den Newcomern gezählt werden darf. Eine Gruppe von Musikern, die die Aufmerksamkeit des Publikums durch wilde, teils an Aktionskunst grenzende, theatralische Einwürfe auf sich zieht. Doch das kennen wir doch alles schon. Oder?

Es ist ein heißer Nachmittag am Popfest mitten in Wien. Die Leute sind gut drauf, die Sonne brennt hinunter und die Kinder plantschen im Becken vor der Karlskirche. Es scheint also nach einem perfekten Hochsommertag. Leise, fast heimlich und unscheinbar schleichen die Jets auf die Bühne, nachdem der Nino aus Wien in seiner charaktervollen, wurschtigen Art einleitende Worte zum zweiten Tag des Popfests gefunden hat.

Sie kamen, sie sahen, sie spielten – und das in einer überraschenden Lässigkeit, dass man eigentlich sofort dazu verleitet war, zuzuhören. Blumige Popsongs, vor Einfachheit strotzend und doch durch saftige Rhythmen unterlegte, gefühlvolle Ohrwürmer sind es, die aus den Verstärkern mit teils gellenden Verzerrungen schallen. Bassistin Romy Park zupft genüsslich und ohne unnötige virtuose Entartungen ihr Instrument, Paul Hochhaus, der Tonangeber, steht neben einem Keyboard und streichelt in zarten auf und ab Bewegungen seine E-Gitarre und Schlagzeuger Xavier Plus besticht mit sauberen Rockgrooves. Eine Mischung und Wiedergeburt von bereits Gehörtem. Doch nicht in einer Art und Weise, die störend wirkt oder gar peinlich verbraucht und ideenlos. Es wird daraus etwas Neues gemacht. Nichts von einer Verbrauchtheit oder verbissenen Rückführung auf altbekanntes Rockgedudel zu spüren. Die Stücke enthalten poppig-frische, klare Strukturen und nachdenkliche Lyrik. Mitten im Konzert ertönt ein Lied, das im Programm der Jets seinesgleichen sucht. Ein Lied, das am Karlsplatz abgefeuert wird und wie ein Lichtstrahl durch den Kosmos schießt. Sicherlich noch immer unterwegs…Zweiundzwanzigtausendsiebenhundertdrei: „400 Millionen dividiert durch zwei,“ so geht der Refrain, der gleich am Anfang ans Publikum ausgesendet wird. Ein klarer, gerader Popsong, der durch seine an Kinderlieder erinnernde Einfachheit wie eine Hymne ins Ohr geht.

Schnell merkt man auch, dass der Sänger in seiner scheinbaren Hilflosigkeit und Zerstreutheit, die sympathisch scheint, nicht viel davon hält, eine gewöhnliche, stimmungsanheizende Bühnenshow hinzulegen. Vielmehr verliert er sich in seinen Gedanken, die er unverfroren und etwas tollpatschig ausspricht. Dem Publikum mitzuteilen, dass man sein Stimmgerät nicht ordentlich sieht und deswegen Schwierigkeiten hat, sein Instrument zu stimmen, wäre in den meisten Fällen wohl ein stümperhaftes Gehabe. Bevor man nichts zu sagen hat, sagt man lieber sowas. Wer dergleichen von sich gibt, will meist zwanghaft eine peinliche Stille vermeiden, oder man schafft es tatsächlich, dabei authentisch zu sein. Bei den Jets trifft Letzteres zu. Es hinterlässt den Eindruck einer gewollten Masche.

Auch die deutschen Texte kommen aus einer abgrundtiefen Ehrlichkeit. Hier werden Lebenssituationen und scheinbar beiläufige Gefühle bunt mit musikalischen Harmonien eingefärbt. Wegen Hochhaus‘ Art, zu singen, muss man wieder an bereits Vorhandenes Denken, bspw. an Andreas Spechtl von Ja, Panik. So, als wollte er diese Kunst mit eigenen Mitteln variieren und verschnörkseln.

Die eingangs erwähnte Theatralik zeichnet sich durch Pauls belangloses Am-Boden-liegende-Singen, Auf-den-Knien-hockende-Spielen oder das Klinkenkabel-verbiegende-in-die-Luft-Springen aus. Dinge, die man irgendwie eh schon kennt und nichts Neues sind. Doch sie schaffen Stimmung und gute Laune und das Gefühl, dass im Leben nicht alles perfekt sein muss.

„Ich war ein bisschen krank die letzten Wochen,“ teilt er uns mit, „und hab‘ viele Hörspiele gehört.“ Ganz beiläufig, mit einer leisen, fast schüchternen Stimme. Plötzlich schießen uns dann ganz andere, bestimmtere, selbstsicherere Töne entgegen, wenn Pauls Jets ihre Lieder nach solchen Zwischenansagen spielen. Dieser Kontrast ist es auch, der den ganzen Auftritt interessant macht.

Aber das ist nicht alles.

Vielmehr scheinen Pauls Jets, die die Bühne als erste Band des Tages betreten hatten, uns etwas sagen zu wollen. Wohin führt die aktuelle Musik? Wer so viele Charakteristika, wie man sie heute vor allem in der Wiener Musikszene vorfindet, zusammenknotet, will uns doch womöglich darauf hinweisen – als eine Art der Reflexion. Bewusst oder unbewusst, das sei dahingestellt. „Wo stehst du mit deiner Kunst?“. Man kommt jedenfalls nicht umhin, darüber nachzudenken.

Autor: Lukas Brunner


 

Mehr Info / Photo Credits:

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https://popfest.at

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Album Review: Alterno Boy – „Alterno Boy“ (2017)

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Dem sympathischen Pop-Quartett Alterno Boy ist mit ihrem gleichnamigen Debütalbum ein Wurf aus elf Liedern gelungen, von denen so manches einiges an Potential zeigt. Paul Buschnegg (Gitarre), Til Tuppy (Gesang und Bass), Xavier Plus (Gitarre und Klavier) und Joe Edlinger (Schlagzeug) lassen die Seele sprechen. Das war auch beim Release Gig am 27. Oktober im Wiener Flex Café zu sehen.

Beim Anklingen der ersten paar Minuten des neuen Stoffs schnellt einem folgendes durch den Kopf: Beach Boys und Beatles. Ab dem zweiten Lied der Scheibe wird man in eine derartige Gutherzigkeit eingetunkt, dass man sich am liebsten selbst umarmen möchte. You’re My Friend! erklingt es im Chor und man fühlt sich irgendwie geborgen. Abgesehen davon taucht in der Strophe wieder kurz dieser spritzig, tanzbare Groove auf, der schon in der ersten Nummer einsetzt. Es wirkt daher wie eine Fortsetzung, eine Idee, die nochmals verarbeitet wird und dadurch einen Zusammenhang zwischen zwei Liedern schafft. Elegant.

Relativ rasch steigt dem Zuhörer ins Bewusstsein, dass Alterno Boy mit ihrer Hingabe zum Englischen vielleicht noch eine rückblickende Linie fahren. Träumerisch und dahinschwebend wird man von netten Gesängen und weichen E-Gitarren-Klängen eingelullt und kann womöglich dabei ganz vergessen, dass es sich doch eigentlich um eine österreichische Band handelt. Normalerweise bin ich gegen erzwungene, „hippe“ British-American-Veredelung, bei der jeder glaubt, dass etwas cool ist, nur weil es auf Englisch vorgetragen wird. Alterno Boy schaffen es aber auf ihre Art sich in eine stilhafte Ecke zu stellen, in der die Instrumente so für sich sprechen, dass man gar nicht mehr darüber nachdenkt, in welcher Sprache sie denn jetzt eigentlich singen.

Aufhorchen muss man bei Winter’s Gun. Bei all der bisherigen Kurzweiligkeit gipfelt die Stimmung erstmalig in diesem zweistimmigen Ohrwurmkandidaten, mit einem einfachen, aber effektiven Wanda-Rhythmus und hypnotischem Tremolo-Klang der Instrumente. Treffer!

Oh Leonce gibt einen guten Einblick in die Art und Weise, wie die Herren Musik machen. Vielfältige Taktwechsel, geschmackvolle Akkordprogressionen und Beats, die zum Mitklatschen anregen. Das alles wird von ausgelassenen Gesängen begleitet, verpackt in einen liebevollen Popsong. Auch wenn manches trotzdem womöglich etwas abgegriffen scheint, muss man Alterno Boy doch noch eines lassen: sie vollziehen geschickt die Rückbesinnung auf die wohl mittlerweile verwaschenen Sujets des Brit-Rock und Pop-Bands der 90er Jahre, mit einem liebenswerten, braven Rotzbuben-Image, das ja schon damals an ältere Zeiten erinnerte. Es ist also in gewisser Weise eine Reflexion der Reflexion und macht vielleicht auch deswegen so viel Freude beim Zuhören. Alte Trends kommen ja bekanntlich immer wieder.

Gesamt ergibt sich ein ausgeglichenes Album aus nachdenklichen, als auch poppig-fetzigen Nummern für einen verregneten Nachmittag mit Freunden. Oder einen sonnigen. Oder alleine. Musik für jeden, der gerne nostalgisch in den leichten, unbeschwerten Kuschelrock der vergangenen Jahrzehnte zurückblickt und dabei trotzdem jung bleiben will.

Autor: Lukas Brunner


Mehr Info & Photo Credits:

https://www.facebook.com/alternoboyband/
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Gig Review: Alterno Boy, 27.10.2017

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Es ist Freitag, der 27. Oktober. Ein Tag, auf den viele hingeschielt haben. Ein großer Tag – zumindest  aus Sicht einer gewissen Band. Alterno Boy präsentieren ihr Debütwerk im Flex Café.
Es ist nach 21:00 Uhr. Die Leute sammeln sich langsam zu einer Menge in dem LED-beleuchteten, mit gemütlichen Sofas und einer Bar ausgestatteten Raum. Durch den Hintereingang kommen sie dann endlich im Gänsemarsch, von der Menge feierlich in Empfang genommen, hereinstolziert.

Ein kurzes Gitarre-Kratzen, ein auf- und ablaufender Basston, eine kleine Rückkopplung und es geht los. Ein schwerfälliger Beat von Schlagzeuger Joe Edlinger und die rauchige, scheinbar noch nicht ganz warm gewordene Stimme des Sängers Til Tuppy verwandeln das Flex-Café in einen Konzertsaal. Ungewöhnlich scheint es, den Anfang der Vorführung balladenmäßig beginnen zu lassen, mit sich immer wiederholenden Chords, so als wäre man schon mitten in der Show, als erst am Anfang. „Hallo Alterno Boys and Girls! Schön, dass ihr den Weg zu unserer Klangwelt gefunden habt…“

Beim dritten Song wird einem langsam die Musikalität dieser Truppe bewusst. Sympathisch, fast bildnerisch, stehen die drei „Boys“ (Til Tuppy, Paul Buschnegg und Xavier Plus) mit jeweils einem Mikro und einem umgeschnallten Saiteninstrument gleichwertig in der vorderen Reihe. You’re My Friend! singen sie.

„Wenig reden, viel spielen“ geben sie als Motto nach dem Song Oh Leonce bekannt, bei dem die Bass-Trommel viel zu laut und der Bass viel zu stark aufgedreht waren. Das Publikum scheint es wenig zu kümmern. Ganz im Gegenteil: man erkennt, dass die Freude über die mittlerweile festgefahrene Single groß ist und die Fangemeinde mitgeht.

Egal, ob man die Augen geschlossen oder offen hält – es könnten fast die Beatles oder Electric Light Orchestra sein, die da oben stehen. Beim Titel Pass By zeigt sich, dass die gut ausgeschriebenen Gesangsparts live genauso funktionieren, wie auf der Aufnahme.

Nun kommt Special-Guest Hannah Wüstehube auf die Bühne, um mit Alterno Boy den Song Winter’s Gun zu performen. Und sie singen so harmonisch. Herrlich. Wenn es nur für dieses eine Lied wäre, ich wäre gekommen. Durch das kalte Herbstwetter, bei Nacht und Wind. Denn genau dieser frische Wind haucht einem beim Hören dieser Nummer ins Ohr, ohne dabei ins Frösteln zu geraten. Ganz im Gegenteil: es wird einem warm ums Herz.

Es wird wieder ruhig, fast psychedelisch. Die Zweistimmigkeit gibt der Musik etwas parallelisierendes. Wir sind also in einer Art Psychedelic-Rock-Revival, in Gedenken ans Ende der 60er. Made It.

Bei der Nummer Alterno Boy kommt wieder die klare, natürliche Stimme des eloquenten Sängers Til zum Vorschein, die einen großen Teil zur Wertigkeit der Musik beiträgt. Die Musiker lassen das Publikum in einem Chor „sound of the future“ singen. Mit ihrer selbsternannten Hymne Revolutionation lassen die jungen Herren zur Abwechslung Stadion-Rock-Gefühle aufkommen. Der erste Teil der Vorführung ist anscheinend vorbei, denn der Sänge schlägt nun eine metaphorische Brücke mit den Worten „what’s the time, I don’t know…“ – dann: Äuglein zumachen und sich von der Nummer Doomsday treiben lassen.
Man fragt sich jedoch allmählich wirklich, wie spät es ist, denn die Truppe spielt geradezu unermüdlich den zweiten Teil des Konzerts, der aber nicht mehr an den Anspruch des vorigen herankommt. Musikalisch vielfältig zeigen sie sich dann aber doch noch einmal in ihrer allerletzten (Funk-)Nummer ¡Dance!.

Alterno Boy vermögen es tatsächlich, mit den klischeehaften Bausteinen der Rockgeschichte ihre eigene Klangwelt zu basteln, wie anfangs versprochen. „Vielen Dank! Wir lieben euch“ ist der letzte Satz von Sänger Til, jedoch in einer überzeugenden Ernsthaftigkeit rübergebracht und nicht bloß als öde, dahingeschnalzte Floskel. Es ist wirklich eine eigene Welt, in die man eintauchen kann.

Autor: Lukas Brunner


Mehr Info & Photo Credits:

https://www.facebook.com/alternoboyband